Fastenwoche
Fasten ist die völlige oder teilweise Enthaltung von Speisen, Getränken und Genussmitteln für einen oder mehrere Tage. Es ist religiöses Ritual, hat eine lange Tradition, dient der inneren Reinigung, fördert die Harmonie von Körper und Geist, stärkt die Abwehrkräfte und kann beim Abnehmen helfen. Fasten kannman jederzeit und überall, im Alltag oder Urlaub, zu Hause, bei der Arbeit, im Wellness-Hotel. Oder man geht zum Fasten ins Kloster.
Ein Nachbar: „Das hat Dir wohl Deine Frau verordnet.“ Meine Mutter: „Du bist doch gar nicht zu dick!“ „Hast Du ein Problem zu Hause?“ Ein guter Freund. Solche Reaktionen löst meine Ankündigung im Familien- und Freundeskreis aus, im März für eine Woche ins Kloster St.Ottilien gehen zu wollen. Zum Fasten. Bei einem Besuch des Klosters der Missionsbenediktiner im oberbayerischen Landkreis Landsberg am Lech war mir das Programmheft des Exerzitienhauses in die Hände gefallen. Beim Durchblättern hatte ich neben dem Weinkurs mit Pater Otto Betler („Tagsüber schneiden wir Weinstöcke, abends schmecken wir die Frucht der Trauben“) und dem Chantworkshop („Sing Dich frei!“) die Ankündigung der Fastenwoche mit Pater Augustinus gesehen („Fastenwoche – Schweige und höre, neige Deines Herzens Ohr, suche den Frieden“). Die Anmeldung klappt. Pures Glück: zwei angemeldete Personen mussten kurzfristig absagen, ich kann nachrücken.
Am Sonntagmittag geht’s mit knurrendem Magen Richtung Klosterdorf, morgens durfte es – so stand’s in der Anmeldung – nurmehr ein leichtes Frühstück mit Knäckebrot und ein wenig Butter sein. Am Tag zuvor war ich noch schnell in der Apotheke, um die Einkaufsliste von Pater Augustinus abzuarbeiten: Mit Passagesalz zur Darmreinigung, Bullrich’s Vital Tabletten und einem Klistierbehälter im Gepäck betrete ich das große Exerzitienhaus, das mehr einem modernen Hotelkomplex gleicht als einem altehrwürdigen Klostergemäuer. Von der freundlichen Dame am Empfang erhalte ich meinen Zimmmerschlüssel, bis zum offiziellen Start mit Begrüßung und Vorstellungsrunde am Nachmittag bleibt mir noch Zeit, mein Zuhause für die kommende Woche zu besichtigen und mich einzurichten. Enttäuscht wird, wer – den Film „Name der Rose“ vor dem inneren Auge – eine dunkle, kahle, kleine Kloster-Kammer erwartet: Die Zimmer sind geräumig, hell und sauber, das Mobiliar schlicht und funktional. Das eigene Bad mit Dusche und WC ist – das wird einem spätestens nach dem 1. Einlauf klar – für die Fastenwoche ein Segen. Frische Handtücher und viel, viel Toilettenpapier liegen bereit und geben einen Vorgeschmack auf die zuverlässigen Wirkungen von Passagesalz und Klistierbehälter. Mehr gibt‘s im Zimmer nicht zu entdecken: Keine Minibar, kein Wecker, kein Radio oder Fernseher – nichts soll die Gäste des Exerzitienhauses von ihrem Weg zur persönlichen Mitte, zu Ruhe und Frieden für Körper und Geist abbringen.Die Teilnehmer sammeln sich im großen Saal 3 – dieser Tagungs- und Meditationsraum wird für die kommende Woche den räumlichen Mittelpunkt der Fastenwoche bilden. Hier beginnt der Tag in der Gruppe morgens um 7.00 Uhr mit einer Tasse Grüner Tee, hier findet man sich vor- und nachmittags zu Meditationen, Körperübungen und Gesprächsrunden zusammen, und hier endet der Tag mit Vorträgen, mit Tanz und Gesang zwischen 21.00 und 22.00 Uhr. Pater Augustinus begrüßt die 23 Teilnehmer, die aus allen Teilen der Republik (von Konstanz bis Hamburg) zum Fasten nach St. Ottilien gekommen sind – einige unter ihnen bereits zum zweiten, dritten oder sogar vierten Mal. Die Gruppe besteht aus 13 Frauen und 10 Männern im Alter zwischen 40 und 70 Jahren, darunter Hausfrauen, selbstständige Handwerker, Rentner und leitende Angestellte. Die Motive für und Erwartungen an eine Teilnahme an der Fastenwoche ähneln sich:Stress abbauen, zur Ruhe kommen, zu sich selber finden, den Glauben an Gott oder auch an die eigene Stärke (wieder-)finden, den eigenen Körper bewusster wahrnehmen und mehr Augenmerk auf die eigene Ernährung legen. Das Abnehmen ist – so äußern es alle Teilnehmer unisono – allenfalls ein willkommener Nebeneffekt.Das Wochenprogramm, das Pater Augustinus zu Beginn ausführlich erläutert, ist übersichtlich strukturiert und eng gesteckt: Wecken ist um 6.15 Uhr, zu den ersten Aufgaben nach dem Aufstehen gehört die pH-Wert-Messung des Urins und die Einnahme von Bitter- oder Passagesalz. Auf die Teezeremonie um 7.00 Uhr folgen Körperübungen und eine kurze Wanderung an der frischen Luft rund um das schöne Kloster-Areal. Zurück im Exerzitienhaus schließt sich die Meditation an, bevor sich die Teilnehmer um 8.30 Uhr zur „Morgenmahlzeit“ im Speisesaal treffen. Dass im Programm nicht von „Frühstück“ die Rede ist, wird beim Blick auf die Tischeklar: Warme und kalte Milch sowie Tee sind im Angebot, außerdem warten wenige Scheiben Graubrot („reif & trocken“) sowie – nur auf ausdrücklichen Wunsch –Naturjoghurt darauf, sehr langsam und schweigend verzehrt zu werden.Für einen Schnell-Esser, wie ich es bin, ist es kaum zu fassen, dass man mehr als eine halbe Stunde an nur einer Scheibe Brot kauen kann. Man kann!
Mit einwenig
Übung geht’s sogar erstaunlich gut, es ist bekömmlich und es sättigt! Das
Schweigen beim Essen, die Konzentration auf das Wenige auf dem eigenen Teller,
das sind die empfohlenen Zutaten für eine gute Mahlzeit. Nach der
„Morgenmahlzeit“ und einer kurzen Pause, die auch zur Einnahme des Basenpulvers
dient, stehen verschiedene Programmpunkte wie zum Beispiel Meditation,
Gruppengespräch, Körperübungen oder auch ein Orgelkonzert in der Klosterkirche
an. Pater Augustinus, der uns von früh bis spät begleitet, kann die Gruppe mit
seiner Warmherzigkeit, Freundlichkeit und auch einer gesunden Portion
(Selbst-)Ironie für sich einnehmen. Dass Pater Augustinus ausschließlich durch
sein Vorbild wirkt, und nicht etwa missionarischen Eifer an den Tag legt,macht
das Fasten im Kloster auch für jene Teilnehmer attraktiv, die der Kirche eher
reserviert gegenüberstehen.
Nach
dem – optionalen – Mittagsgebet in der Klosterkirche, an dem man mindestens
einmal teilnehmen sollte, weil die Atmosphäre mit den singenden Mönchen sehr
beeindruckend ist, folgt die Mittagsmahlzeit. Nur keine falschen Hoffnungen! In
Form und Inhalt entspricht sie 1:1 dem kargen „Frühstück“. Dann ist
Mittagspause auf dem Zimmer angesagt, ein Leberwickel regt das Organ an und
trägt zur Entgiftung de Körpers bei. Ich schlafe davon auf der Stelle ein, das
ist Erholung pur! Am Nachmittag sind Wanderungen in Klosternähe sowie Ausflüge
zum Kloster Irsee oder zum Ammersee im Angebot, kreatives Malen und Töpfern.
Wer nicht mag, bleibt im Kloster oder macht sich auf eigene Faust auf den Weg.
Wichtig ist Bewegung, denn das Fasten führt insbesondere zu Beginn zu einer
Trägheit, die nicht gut für den Kreislauf ist. Um 17.00 Uhr steht täglich das
Kloster-eigene Hallenbad der Fasten-Gruppe zur Verfügung, die Bewegung imwarmen
Wasser tut gut und schmiert die Gelenke. Anschließend trifft sich die Gruppe
zur abendlichen Tee-Zeremonie. Am Abend nichts zu Essen, fällt mir persönlich
an den ersten Tagen recht schwer – zumal eine fröhlich plappernde Gruppe im
Nachbarraum mit gut duftenden Köstlichkeiten aus der Klösterkücheversorgt wird.
Ab
20.00 Uhr kommt die Gruppe im Meditationsraum zum Abendprogramm zusammen. Am 1.
Und 3. Abend ist der Arzt Lars Staab zu Gast, der die Teilnehmer über die gesundheitlichen
Wirkungen des Fastens aufklärt, allgemeine Ernährungs- und Bewegungstipps gibt
und auch für individuelle Fragen rund um das Fasten zur Verfügung steht. Pater
Augustinus favorisiert ein eng gestecktes Programm, das über die Wocheverteilt
nur wenige „Freistunden“ bietet. Mit gutem Grund: Wenn nach zwei, drei Tagen
Fasten die Energie nachlässt, muss man seinen Körper geradezu zu Aktivität
nötigen, ansonsten würde man dem natürlichen Impuls zum häufigen Ruhen oder
Schlafen nachgeben. Außerdem hat Pater Augustinus so immer wieder Gelegenheit,
über das Wohlbefinden der Fastenden zu wachen.
Im
Laufe der Woche sind die Fastenrituale eingeübt, Körper und Geist können sich
vom Alltag erholen. Die gemeinsamen Spaziergänge bieten Gelegenheit, die
anderen Teilnehmer besser kennenzulernen und sich mit ihnen über die
individuellen Fastenerfahrungen auszutauschen.Nach einem Abschlussgottesdienst
am Samstag kommen die Teilnehmer zu einem lockeren Austausch zusammen, ziehen
ihre persönliche Fastenbilanz und geben Pater Augustinus Rückmeldung über ihre
Erfahrungen mit dem Programm. Eine geselliges Beisammensein mit Tanz und Musik
runden den Abend ab, bei dem den Teilnehmern die Vorfreude auf das
Fastenbrechen am nächsten Tag bereits deutlich anzumerken ist. Am Sonntagmorgen
gibt es zum ersten Mal seit einer Woche Butter für das Brot. Und zum
Mittagessen reicht die Klosterk üche Bio-Kartoffeln mit Kräuterquark – ein
wahres Gaumenfest für die Fastenbrecher, auch wennZurückhaltung
angesagt ist. Der Organismus muss ganz vorsichtig wieder an Nahrung gewöhnt
werden. Zurück zu Hause stelle ich mich erstmals auf die Waage: Stolze acht
Kilo habe ich verloren.
Das hatte ich nicht erwartet und ist wohl auf die
stetige körperliche Bewegung beim Fasten zurückzuführen. Wichtiger für mich
aber ist, dass ich in der Woche vollkommen von Beruf und Familie abschalten
konnte. Keine Gedanken an unerledigte Arbeiten, an den Ärger im Büro, an die
letzte Auseinandersetzung mit Sohn oder Tochter störten die Konzentration auf
das eigene Ich und die Achtsamkeit auf das eigene Wohlbefinden. So viel
Entspannung hat mir bislang kein Urlaub, keine Reise gebracht!
Dr. Detlef Hug
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